Sebastian Haffner – ein großer deutscher Publizist des 20. Jahrhunderts – hat verschiedentlich ausgeführt, dass Kriege „praktisch immer mit Verbrechen, ja mit Kriegsverbrechen einhergehen“. Insofern muss es zunächst nicht überraschen, dass Kriegsverbrechen im Ukrainekrieg eine wichtige Rolle spielen. Zu Beginn des umfassenden Angriffs auf die Ukraine 2022 hat die russische Armee in Butscha und Irpin Massenmorde an der Zivilbevölkerung begangen. Als Parallele kann der Überfall der deutschen kaiserlichen Armee auf das neutrale Belgien zu Beginn des 1. Weltkriegs gesehen werden, wo die Schandtaten in der Abfackelung der Universitätsbibliothek von Löwen und der Massakrierung von Hunderten Zivilisten gipfelten.
Die Aggressoren haben oft den Wunsch schon bei Beginn ihres Einmarschs mit gezielter Grausamkeit auch gegen die Zivilbevölkerung jeglichen aufkeimenden Widerstand zu ersticken. Bei Fortdauer des Krieges kommt wiederum eine deutsche Idee aus dem 2. Weltkrieg zum Einsatz: Bombardierung von Städten aus der Luft, um die Zivilbevölkerung von der Unterstützung des nationalen Kriegskurses abzubringen. Von der deutschen Luftwaffe zunächst in England erprobt, im weiteren Kriegsverlauf bei Verlust der Luftüberlegenheit der Deutschen antworteten die Alliierten mit entsprechenden Bombardements deutscher Städte.
Ob diese Strategie viel zum Ausgang des Krieges beigetragen hat, ist zumindest fraglich. Ohne den Vormarsch der roten Armee im Osten und der angelandeten Truppen der Alliierten im Westen hätte der Zusammenbruch der Achsenmächte kaum so zügig stattgefunden, wenn überhaupt.
In Abwandlung des Bombardement-Konzepts des 2. Weltkriegs, das die russische Armee so in Aleppo realisiert hat, wird in der Ukraine mit Drohnen und Raketen vornehmlich die Energieinfrastruktur getroffen. Bei Temperaturen unter -20 C ist die dauerhafte Unterbrechung der Fernwärme und der langdauernde Stromausfall eine Katastrophe für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Kranke, Gerechliche, Alte und Eltern mit kleinen Kindern sind die wirklichen Opfer von Putins Kriegsstrategie. Sie sitzen in ungeheizten Wohnblocks, wo die Aufzüge nicht funktionieren und eine Betreuung oder Unterstützung oftmals nicht organisiert ist.
Warum setzt Putin auf diese Strategie, die bisher viel individuelles Leid und wenig militärische Erfolge verzeichnet? Sein großes Problem ist der ausbleibende Erfolg an der Front. Seit Sommer wird alle paar Wochen wiederholt verkündet, Pokrowsk werde in 2 Tagen von den Russen erobert. Dabei wird ständig betont, wie strategisch wichtig dieser Ort sei, obwohl dies kaum belegt ist. Bis heute hat keine Eroberung stattgefunden. Die Gebietsgewinne, die die russische Armee in den letzten 12 Monaten erzielt hat, sind angesichts der dabei erlittenen Verluste an Soldaten lächerlich gering.
Der bisherige militärische Spitzenplatz für ein massives Missverhältnis von Truppenverlusten zu eroberten Gebiet ist der britische Somme-Offensive von 1916, die einen täglichen ‚Fortschritt‘ von 80 Metern brachte. Die russische Armee kann in 2024 bis 2026 diesen Wert in den wichtigen Frontabschnitten wie Chassiv Yar 15 m, Krupiansk 23 m und Pokrovsk 70 m deutlich unterbieten. (Philipp Obrien, Newsletter Weekend Update #170) Angesichts dieser Eroberungen gepaart mit den enormen Verlusten ist schon zu fragen, ob der Krieg an der Front für Russland überhaupt zu gewinnen ist. (siehe auch Durchbruchsphantasie oder never ending story)
Im gesamten Frontverlauf von über 1.000 km gibt es eine schwarze Zone von derzeit 20 km Breite, die praktisch lückenlos von Drohnen beider Seiten überwacht wird. Truppenbewegungen in dieser Zone werden schnell identifiziert und mit überaus effektiven Drohnenbombardements belegt. Jeder Angriffsversuch wird mit hohen Opferzahlen bezahlt, ohne dass sich relevante Gebietseroberungen realisieren lassen.
Der ukrainische General Volodomyr Havrylov hat in einem Interview die ukrainische Strategie so beschrieben: Im Herbst 2025 hatte die schwarze Zone eine Breite von 15 km, zum Jahreswechsel 2025/26 sind es 20 km. Diese Verbreiterung ist mitentscheidend für die gestiegenen Opferzahlen in der russischen Armee. Im Frühjahr soll die schwarze Zone 30 km Breite erreichen und gegen Ende des Jahres 2026 sogar 100 km. Der Anteil der russischen Opfer durch unbemannte Kampfmittel (Drohnen und Bodenfahrzeuge) beträgt derzeit 50% und soll mit der fortschreitenden Ausdehnung der schwarzen Zone deutlich gesteigert werden.
Bisher hat der Kreml keine tragfähige Antwort auf die ukrainische Verteidigungsstrategie gefunden. Die einzige Antwort, die bisher erkennbar ist, liegt in der Geiselhaft der ukrainischen Zivilbevölkerung. Dieses täglich wiederholte Kriegsverbrechen wird durch Trump und die bei der Belieferung der Ukraine mit Luftverteidigungswaffen zögerlichen Europäer faktisch unterstützt.
Trump tut sich dabei besonders hervor. Er verkündet einen Stopp der russischen Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung für eine Woche nach einem Telefonat mit Putin. Es ist erstaunlich, dass die temporäre Unterbrechung von Kriegsverbrechen als gute Botschaft in die Welt posaunt wird. Noch erstaunlicher ist Trumps Reaktion auf Putins Rekordangriff auf die Ukraine nach 72 Srunden Trumpscher Waffenruhe. Das jetzt eingesetzte akkumulierte Sprengstoffmaterial belief sich in etwa auf die Summe von ‚normalen‘ drei Tagen.
Trump findet kein einziges kritisches Wort zu diesem eklatanten Bruch seiner Abmachung mit Putin. Nun kann man fragen, warum. Es gibt drei Möglichkeiten: Die unwahrscheinlichste, er ist ein dementer Volltrottel. Die zweite Möglichkeit ist ein zynisches Spiel mit der Öffentlichkeit, die sich auch gern von Lügen und Märchen unterhalten lässt. Nachdem nun ernsthafte Hinweise auf eine Verwicklung Epsteins mit dem russischen Geheimdienst aufgekommen sind, lässt sich als dritte Variante auch spekulieren, ob der Trump-Ordner von Epstein exklusiv an Putin ausgehändigt wurde. Angesichts des extremen Narzissmus Trumps ist diese Variante durchaus naheliegend, denn eine Missachtung seiner Person trifft ihn in aller Regel ins Mark. Putin lässt er jedoch faktisch jede persönliche Spitze durchgehen.
Diese seltsame Kommunikation mit dem im Kern so friedliebenden Putin trifft auch auf die andauernden Friedensverhandlungen – derzeit in Abu Dabi – zu. Da werden schon seit fast einem Jahr von Seiten der USA tolle Fortschritte vermeldet, die sich immer wieder als heiße Luft erweisen. Ob die kurz bevorstehende Einnahme von Pokrovsk durch die russischen Truppen oder der anstehende Durchbruch bei Friedens-/Waffenstillstandsgesprächen in schöner Regelmäßigkeit werden Narrative angeboten, die sich wiederholen ohne ein Jota Substanzzuwachs. Ein Blick auf die Kriegsführung Putins reicht aus, um zu verstehen, dass er einen Kompromissfrieden definitiv nicht will.
Trotz der Hunderttausenden frierenden Zivilisten in den Großstädten der Ukraine wird es in absehbarer Zeit kein Ende dieses Krieges geben. Der fehlende Durchbruch an der Front macht die russische Kriegserzählung für die eigene Bevölkerung zunehmend unglaubhafter. Trotz riesiger Überlegenheit an Personal und Material ist ein militärischer Sieg auch nach vier Jahren Krieg nicht einmal am entferntesten Horizont zu erkennen. Das frustriert Putin und er muss mehr als 20 m Geländegewinn pro Tag vorweisen, um als erfolgreicher Stratege in die Geschichtsbücher einzugehen. Dank seines Zynismus hat er keine Probleme mit weiteren Kriegsverbrechen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung sein Kriegsglück im Hinterland zu suchen.
Die bisherige Reaktion der Europäer auf diese sich abzeichnenden Entwicklungen entsprechen nicht der Dramatik der Lage. Weil Herr Trump mit Putin spricht, wird auf den Rat eines großen Teils der Medien nun auch das direkte Gespräch mit Putin gesucht. Was soll dabei herauskommen? Im Nachgang zu Trump läuft man Gefahr, die verbrecherische Kriegsführung zu normalisieren. Statt Denunziation eines barbarischen Handelns darf sich Putin ermutigt fühlen, weiter auf seine Art Krieg zu führen. Das verheißt nichts Gutes für 2026.
Die Weiterverwendung der Soldaten im Vordrohnenzeitalter (Vietnamkrieg) als Treetop flyers: