Der Wahlkampf in Berlin ist fünf Wochen vor der Wahl unübersehbar. An Wahlplakaten herrscht kein Mangel. Und – das passiert mir wirklich selten – die FDP ist mit dem folgenden Slogan zu loben:

Nicht nur zum guten Deutsch ist der FDP zu gratulieren, auch BerlinGehtBesser ist ein Motto, das nach der kursorischen Sichtung der Core-Wahlplakate – was hier nachzuweisen ist – unzweifelhaft ins Schwarze trifft. Die guten Chancen liegen in dieser Wahl gleichwohl nicht bei der FDP, die als einzig bekanntes Gesicht massenweise das in die Jahre gekommene Schlachtross Kubicki plakatiert, der hier gar nicht zur Wahl steht.
Die Freiheit ist vielen Parteien ein extra Anliegen. 36 Jahre nach dem Fall der Mauer fühlt sich Berlin offenbar nicht mehr so richtig frei an. Zuvor war das besser. Freiheit war mit der Mauer vor der Mauer. Unfreiheit war eingemauert, hinter der Mauer. Ein Sender Freies Berlin hat für ein dauerhaftes Freiheitsgefühl im Westen und für ein dauerhaftes Unfreiheitsgefühl im Osten geworben. Ohne Ost-West kein Freiheits-/Unfreiheitsdialektik.
Nach dem der Partyhype verflogen ist und zunehmend die Touristen ausbleiben, besinnen wir uns wieder auf unseren klassischen Berliner Wesenszug: die Übellaunigkeit. In der Nörgelei kann Berlin niemand was vormachen und der Blick auf das politische Personal und seine Programme liefert unendlich Material.
Auf dem Masterwahlplakat der Grünen ist auf den ersten Blick von dieser gedrückten Stimmung nichts zu sehen:

Die hintere Doppelspitze – die Loserin der letzten Wahl Bettina Jarasch – lacht befreit während die vordere Doppelspitze ein Mann, den niemand kennt, einen indifferenten Eindruck hinterlässt. Das arrangierte Bild, befand vermutlich die Wahlkampfleitung der Grünen, ist nicht ganz selbsterklärend.
Doppelspitze mit vorne und hinten, die Frau lacht aus der zweiten Reihe. Der Mann ist in der Poleposition. Da ist eine Erläuterung als Handreichung für die umworbene grüne Wählerin angebracht:
Demokratie geht nicht alleine.
Das fetzt. Das bringt die Grünen mit der Zweisamkeit auf dem Plakat sofort an die Spitze des Feldes. Rad geht nicht eckig, Turm geht nicht nieder, See geht nicht trocken. Wenn in der Kita so deutsch gesprochen wird, sind die Chancen allerdings gar nicht gut…
Dann war da noch Platz auf dem Wandplakat. Zwei Slogans sind doppelt so gut wie einer. Da haut die ökologische Partei noch einen urgrünen Spruch hinterher:
Gemeinsam für ein freies Berlin.
Warum fordern die Grünen ein freies Berlin? Ist Berlin unfrei? Mit wem wollen die Grünen gemeinsam ein freies Berlin erschaffen? Mit der FDP, mit Volt, den üblichen Verdächtigen beim Freiheitsgesülze?
Die Kitapflicht bleibt jedoch nicht auf die Grünen beschränkt. Auch die CDU muss sprachlich noch erheblich nachbessern.

Aus strikt konservativer Sicht ist es natürlich verdienstvoll, dass die CDU sich intensiv um vom Aussterben bedrohte Worte bemüht. Der Schlendrian wird sicher nur noch der Ü 60-Kohorte ein Begriff sein. Nun denn, im Roten Rathaus – wo der Berliner Senat regiert – hat er überlebt, der alte, recht klapprige Schlendrian.
Und o weh, o weh, ausgerechnet da trifft er auf seinen Endgegner, Stefan Evers Ersatzkandidat für den sehr kurzfristig wegen Lügengespinsten verlorengegangenen Spitzenkandidaten. Ganz fair ist dieser Kampf natürlich nicht, denn wie erwähnt steht der Schlendrian auf der roten Liste der aktuell in Vergessenheit geratenden Worte. Und die sprachmächtigen Ü 60 Berlinerinnen werden ja eh ständig weniger…
‚Der Endgegner vom Schlendrian‘ das ist sprachlich ein ungenießbares Kuddelmuddel mit einem Modewort Endgegner, das mit einem altdeutschen Begriff Schlendrian gepaart wird. Die Kreuzung Hipbegriff/altdeutscher Fundus wird über eine Dativkonstruktion zusammengeführt. Dieses dativgetränkte Sprachbild erinnert an die Ruhrpottfußballer der sechziger Jahre.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der offenbar seit drei Jahren erfolglose Kampf des Endgegners Stefan Evers gegen den Schlendrian sich gar ins Unendliche zieht, ist Gottseidank gering. Ohne die CDU in der Regierung wird der Schlendrian samt seinem Endgegner rückstandslos entsorgt werden.
Die CDU zeigt sich jedoch auf ihrem Wandplakat auch in der Ecke rechts unten sprachlich restlos überfordert. Sinnfrei steht da ‚Berlin-wird‘. Da fehlt der Bezug was Berlin werden soll oder im Grünensprech ‚Berlin-wird geht nicht alleine‘.
Vielleicht wollte man eine größtmögliche Offenheit demonstrieren, was grammatikalisch sauber so gelöst wird: Berlin wird irgendwas. Vielleicht sollte auch die wahlinteressierte Mitbürgerin mit Bezug auf die CDU-Erfolge der letzten Regierungsjahre selbst ergänzen: Berlin wird gar nichts.
Jedenfalls hatte die CDU selbst mächtig Bammel, als sie an die Zukunft dachte und hat vor Schreck die anstehende Ergänzung der Losung verweigert. Irgendwie war das auch ein bisschen peinlich und so ist die Schriftgröße für das Motto auf gerade lesbare Minimalgröße zusammengezurrt.
In meinem Stadtteil Wilmersdorf hat die örtliche CDU keinen besonderen Bedarf an Evers-Plakaten, vielleicht hat man einfach genug von den bevormundenden ‚Einer muss vernünftig sein‘ etc. Da legen die Kandidaten gerne selbst Hand an und so sieht ein Resultat dieser konservativen Graswurzelinitiative aus:

Berlin ist eine katastrophengestählte Stadt. Zuletzt hat sie das im Januar beim Stromausfall im tiefsten Winter bewiesen. Die Obrigkeit hat in Gestalt des Regierenden angesichts dieser Umstände erstmal Tennis gespielt, um den Kopf frei zu bekommen. Die Bevölkerung hat diese Art des Kümmerns nicht so ganz verstanden. Viele dachten, wenn über hunderttausend in unbeheizten Wohnungen frieren und ohne Strom ihr Leben im Dunkeln fristen mussten, sollte der oberste politische Repräsentant der Stadt Präsenz zeigen.
Wie uns der Wilmersdorfer CDU-Abgeordnete demonstriert, wird ein CDU-Senat auch in Zukunft dem Kai Wegner-Ansatz der Katastrophenbewältigung treu bleiben. ‚Wenn’s brennt‘ darf die Berlinerin nicht auf die Feuerwehr hoffen. Ein lässig lächelnder Herr um die fünfzig steht im Sakko mit Einstecktuch neben einem Feuermelder, der schon seit dem 1. Weltkrieg abgeklemmt ist. Er will im Brandfalle gewählt werden, die Löscharbeiten müssen warten. Seine Nähe zum gusseisernen roten Feuermelder lässt vermuten, dass er –ganz im Sinne der konsequent rückwärtsgewandten Programmatik der CDU – hoffnungsfroh die Reaktivierung der Feuermelder vorantreiben wird. Manche huldigen noch die analoge Zeit, doch oben rechts auf dem CDU-Plakat ist die allfällige Ergänzung einzufügen: Berlin-wird mechanisch!
Die gute, alte Zeit, die in Berlin noch weniger als anderswo in den letzten einhundertzwanzig Jahren jemals unbeschwert war, ist das Vorbild für die Zukunft. Freiheit irgendwie, alte Werte wie vernünftig sein und Schlendrian bekämpfen, alte Feuermelder bewundern, ein Stadtbild wie Bielefeld. Leider fehlen Berlin dazu ausreichende Deutschkenntnisse. Das Gestammele auf den Wahlplakaten taugt nicht für das Heraufbeschwören einer kleinbürgerlichen Idylle. Also ab in die Kita:

Gutes Deutsch. Gute Chancen. Mit unf*ck berlin ist ja schon mal ein Anfang gemacht.