Lucky Punch oder Final Whistle Blow

Im Staatsvertrag zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen muss es – nur so kann ich es mir erklären – in dem umfangreichen Gesamtwerk irgendwo eine Fußnote geben mit folgendem Wortlaut: ‚In der Halbzeitpause der Liveübertragung eines Fußballspiels ist zwingend eine Nachrichtensendung zu platzieren:‘ Sind bei den Privaten die Werbeclips eine Aufforderung zum innerlichen Abschalten des Zuschauenden, so erzielen ARD und ZDF mit den aus Wiederholungen zuvor gesendeter Beiträgen zusammengesetzten Nachrichtensendung den gleichen Effekt.

Für die Expertinnenrunden bleiben meist nur zwei Minuten, um kurz der Entstehung von Toren oder großen Torchancen zu folgen. Meist reicht die verbliebene Zeit nicht für das Vorbereitete, da sind schon wieder die Mannschaften auf dem Spielfeld, ‚wir geben ab zu unserer Kommentatorin oder unserem Kommentator…‘

Für das Spiel Deutschland gegen Paraguay war diese Zeitspanne je nach Bedarf an analytischer Erläuterung zu kurz oder auch zu lang. Einerseits konnte jeder Laie sehen, dass diese deutsche Mannschaft nicht in der Lage war, Torchancen zu kreieren, das braucht keine weiteren Expertinnenansagen. Andererseits hatte vor dem Spiel Christian Streich an der Taktiktafel – für alle im Studio verständlich, für mich jedoch nicht erfassbar – erklärt, dass Kimmich von rechts hinten Räume bespielen muss und dazu irgendwie 10 Meter weiter in das Mittelfeld von seiner Rechtsverteidigerposition ziehen muss. Das war also der Schlüssel für einen erfolgreichen Matchplan.

So einfach der Plan war, so klar war in der Halbzeit, dieser Plan wurde entweder nicht verfolgt oder ist aufgrund gegnerischer Einwirkung im Ansatz gescheitert. Die deutsche Mannschaft bespielte keine Räume sondern schob den Ball zuverlässig in der Nähe der Mittellinie von der linken Außenlinie über drei oder vier Stationen zurück zur rechten Seitenlinie und zurück und immer weiter in geruhsamem Tempo damit auch dem langsamsten Spieler von Paraguay nicht schwindlig wird.

Nachdem alle Studioexpertinnen von Streichschen Eingebung überzeugt waren und zu Beginn der Spiels suggerierten, dies würde auch vom Trainerteam Deutschlands und dann auch der Mannschaft so gesehen, wäre doch jetzt interessant gewesen, wieso ausgerechnet die Achse Nagelsmann Kimmich das so wenig verstanden bzw. gesehen hat, wie ich. Die Taktiktafel blieb für eine kritische Revision des Gebotenen in der Kabine wie im Expertenstudio offensichtlich ungenutzt.

In der Kürze der verbliebenen Sekunden bis zum Wiederbeginn des Spiels kam von Christoph Kramer hastig der Einwurf ‚bald müssten Leveling und Amiri eingewechselt werden‘. Dieser Vorschlag machte für mich Sinn, nicht jedoch für Nagelsmann, denn der brachte nach der Pause Goretzka. Amiri kam erst kurz vor dem Elfmeterschießen, wo er auch traf!

So war das Expertinnenwissen als Stückwerk im Angebot, was mir nicht weiterhelfen konnte. Das passte gut zum Spiel der deutschen Mannschaft, das mit Stückwerk noch recht nachsichtig beschrieben ist.

So gab es einen einzigen Aufreger im gesamten Spiel, wo endlich wieder die Einheit Deutschlands zelebriert wurde. Nach einem Eckball hat Tah mit einem Kopfball das vermeintliche Siegtor in der Verlängerung erzielt. Der VAR hatte aber ein Foulspiel am gegnerischen Torwart erkannt. Die Schiedsrichterexperten deutscher Zunge waren außer sich, das passe nicht zum bisher Gepfiffenen im Turnierverlauf.

Dabei wurde vor dem Turnier von der FIFA klargestellt, dass die Behinderung des gegnerischen Torwarts auch vor (!) der Ausführung eines Eckballs zu sanktionieren ist. Eine absolut richtige Regel, die der von Arsenal eingeführten Unsitte, den Torwart im Vorfeld des Eckballs massiv zu bedrängen, einen Riegel vorschiebt.

Vielleicht sollte sich Deutschland samt seiner Kommentatorinnen und Expertinnen usw. einfach einen nüchternen Blick auf die offenbar beschränkten Möglichkeiten des aktuellen Kaders leisten. Und überhaupt hinsichtlich liebgewonnener Mythen ein wenig abrüsten. Wie Christoph Kramer zu Recht sagt, ist die immer wieder als beglückend beschriebene La Ola Welle im Stadion Ausdruck eines langweiligen Fußballspiels, wo das Publikum Ablenkung sucht.

Genauso steht es um die Dauerrhetorik der Kommentatorinnen zum Ende des Spiels hin ‚Gibt es noch einen Lucky Punch?‘ ‚Gibt es noch die eine alles entscheidende Situation?‘ ‚Hat noch ein Stürmer eine überraschende Idee?‘ Stop! Stop! Stop! Wir werden es auch sehen, wenn dieses hyperventilierende Gefrage nicht durch den Lautsprecher des Fernsehers dröhnt.

Der Wunsch nach einem Lucky Punch ging schon im zweiten Spiel gegen die Elfenbeinküste durch das Siegtor von Undav in Erfüllung. Danach hatte der empathische Zuschauer der deutschen Darbietungen nur noch den Wunsch nach dem Final Whistle Blow.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen