Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner attestierte sich Probleme in der Kommunikation zu seiner Rolle während des großen Stromausfalls im Südwesten Berlins Anfang Januar. Dies ärgerte ihn selbst am allermeisten, wie er betonte. Und man darf bei dieser Aussage mal ausnahmsweise davon ausgehen, dass sie aufrichtig und ehrlich gemeint ist. Schließlich ist Wegner dank der von ihm so definierten Kommunikationsproblemen sein chices Amt los, da er für die kommende Wahl in Berlin nun auf die Spitzenkandidatur verzichtet.
Wie konnte es nun im heißen Juli soweit kommen? Der frostig kalte Januar ist eigentlich tiefe Vergangenheit, aber er wollte partout nicht in Vergessenheit geraten. Nun, Wegner hatte eine wunderbare Chance, sich als wohlmeinenden Anwalt und Unterstützer der vom Terrorismus geschädigten und jämmerlich frierenden Bürgerinnen und Bürger zu inszenieren, verschusselt. Wie Gerhardt Schröder beim Elbhochwasser mit Gummistiefeln auf noch erhaltenen oder schon einbrechenden Deichen herumstapfen, so hätte es für Wegner geheißen, Wintermantel an und dicke Mütze auf die Glatze und dann zu seinem darbenden Volk.
Verpasst ist verpasst. So war die Lage am Samstagabend – der Anschlag fand kurz nach 6 Uhr morgens am Samstag statt – als das Stadtoberhaupt immer noch die Öffentlichkeit gemieden hat. Aber Kai Wegner ist ein schlauer. Irgendjemand hat ihm nun doch gesteckt, dass man aus einer solchen Sache etwas mehr machen sollte. Ein Regierender, der sich nicht kümmert, wird zumindest als gleichgültig, wahrscheinlich sogar als herzlos wahrgenommen.
Der schlaue Kai strickt nun aus seinem Faut pas der fortdauernden Unsichtbarkeit zu Beginn der Katastrophe ein Narrativ der Aufopferung für die notleidende Bevölkerung. Er hat keine Zeit für Spaziergänge im Katastrophengebiet, er koordiniert selbstlos im Hintergrund unter selbst gewählten härtesten Umständen.
Respekt. Er schaut bei Beginn seiner Koordinationsarbeit erstmal auf die Uhr: 8 Uhr 8. Er schottet sich von bösartigen Außeneinflüssen ab und schließt sich in seinem Arbeitszimmer ein. Er greift zum Hörer und spricht mit allen, die in einer solchen Situation wichtig sind einschließlich dem Bundeskanzler! So sieht modernes Katrastrophenmanagement aus. Wohl der Stadt, die solch einen Mann der Tat an ihrer Spitze weiß.
Zwei, drei Tage später wird bekannt, dass Kai um die Mittagszeit an diesem Samstag Tennis mit seiner Lebenspartnerin der Schulsenatorin spielte. Stundenlange Koordinationsarbeit ist anstrengend und dann will man auch mal den Kopf frei bekommen. Wäre Joggen besser gewesen? Quatsch, das Narrativ ist rund, zumindest für die CDU und irgendwann muss auch wieder Politik gemacht werden.
Irgendwie hält sich aber der Zweifel, ob diese Erzählung nicht doch ein Märchen oder genauer eine dreiste Lüge ist. 8 Uhr 8, sich sprichwörtlich einschließen im Arbeitszimmer, ein nicht erwähntes Tennisspiel, das sind jene Details, die in ihrer Supergenauigkeit/-ungenauigkeit nicht überzeugen.
Der Tagesspiegel hat nachgefragt und per Gerichtsbeschluss Antworten bekommen, die Kai Wegner als Lügner überführen. Die von ihm behaupteten Telefonate haben niemals stattgefunden, diese Koordinationsarbeit war ein reines Fantasieprodukt.
Er hat es geschafft nicht nur die einmalige Chance der Inszenierung als Kümmerer zu verpassen, sondern hat mit einem dürftigen Lügenmärchen bewiesen, dass er zynisch und gleichgültig den Leiden von hunderttausend frierenden Berlinerinnen und Berlinern gegenübersteht. Statt sich für sein Versagen zu entschuldigen, wollte er der Öffentlichkeit ein X für ein U vormachen.
Fast wäre er damit durchgekommen, denn der Berliner CDU ist personell äußerst dürftig aufgestellt. Eine Meinungsumfrage zu Berlin Wahl im September, die die CDU vom ersten auf den vierten Platz abstürzen lässt, war dann aber doch zu viel.
Letztlich zeigt die Geschichte, welch kleines Karo der Berliner Politik eigen ist. Selbst die Lügen in dieser Stadt erinnern an mehr Pennälerausreden als an großspurige Behauptungen. Trump hat großformatige Lügen im Dauerstakkato zur neuen politischen Währung gemacht. In Berlin leben wir noch im Zeitalter der kleinformatigen Ausflüchte. Lügen im Kleinformat, im Großformat. Lügen haben Konjunktur.